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Wo gehörlose Geflüchtete Deutsch lernen

Seit Beginn des Ukraine-Kriegs sind über sechs Millionen Menschen in andere europäische Länder geflohen. Die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe hat seitdem über den Deutschland-Fonds der Diakonie Katastrophenhilfe zahlreiche Projekte gefördert, die den Menschen beim Ankommen in Deutschland helfen. Etwa den Deutschkurs, den die Beratungsstelle für Gehörlose bei der Diakonie Stiftung Salem in Minden anbietet.

Eine der wichtigsten Regeln im Deutschkurs von Tanja Bergen: Wer zu spät kommt, spendiert Eis für alle. So wie an diesem Donnerstag. Im Schatten eines Baumes sitzen die fünf Männer und 13 Frauen mit ihrer Lehrerin beisammen, genießen ihr Eis und gebärden munter durcheinander. Und irgendiwe ist die spontane Eispause sogar Unterricht. Denn aktuell steht das Thema "Essen und Trinken" auf dem Stundenplan. "Der Zusammenhalt in unserem Kurs ist von Beginn an erstaunlich groß", sagt die Dozentin. Was die Teilnehmenden verbindet: Sie mussten nicht nur vor dem Krieg in der Ukraine fliehen, sondern sie sind allesamt gehörlos oder schwerst hörgeschädigt.

Geld für Personal und Schulbücher

Bereits seit Juni bietet die Beratungsstelle für Gehörlose bei der Diakonie Stiftung Salem im Kirchenkreis Minden an vier Tagen in der Woche Deutschkurse für die insgesamt 50 gehörlosen Geflüchteten aus der Ukraine an. Finanziert wird das Angebot noch bis Ende September mit Spendengeldern aus dem Deutschland-Fonds der Diakonie Katastrophenhilfe. Das Diakonische Werk Rheinland-Westfalen-Lippe (Diakonie RWL) hat dafür ein Online-Portal zum Beantragen der Mittel aus dem gesamten Verbandsgebiet bereitgestellt und konnte so mehr als 80 Projekte mit einem Gesamtfördervolumen von rund einer Millionen Euro unterstützen.

"Der Deutschland-Fonds war für uns eine großartige Lösung, weil wir dank dieser finanziellen Hilfe sofort - ohne Wartezeit - starten konnten", sagt Ralf Isermann, Leiter der Beratungsstelle für Gehörlose bei der Diakonie Stiftung Salem(link is external). Hauptposten seien die Honorare für das Personal, außerdem wurden von dem Geld Schulbücher gekauft. Ralf Isermann hofft, dass die Kurse ab Oktober fortgesetzt werden können – der entsprechende Finanzierungsantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge muss noch bewilligt werden.

Dozenten-Trio

Tanja Bergen, Heinrich Töws und Irina Pleis sind die Gebärdendozenten, die die Geflüchteten seit Juni in drei verschiedenen Kursen à 20 Stunden die Woche unterrichten – die jüngste Teilnehmerin ist 17 Jahre alt, die älteren sind schon über 50. "Unsere drei Lehrenden in dieser Kombination sind wirklich unser großes Glück", sagt Isermann. "Sie sind nicht nur in beiden Sprachen gebärdenkompetent, sondern auch alle sehr nah dran, was die Kultur und die Herkunft der Teilnehmenden betrifft." Irina Pleis etwa ist selbst gehörlos und russischer Herkunft. Und Tanja Bergen, Mutter eines erwachsenen, gehörlosen Sohnes, ist in Kasachstan geboren. Die Diplom-Historikerin war fast 20 Jahre lang als pädagogische Fachkraft für Gehörlose bei der Diakonie Minden angestellt, im Januar 2020 ist sie in den Ruhestand gegangen. "Aber als die Geflüchteten kamen, hat man mich aus dem Ruhestand zurückgeholt", erzählt sie und lacht.

Derzeit sind im "Hildegard-Schumacher-Haus" in Minden 80 Geflüchtete untergebracht, von denen 30 gehörlos sind. Weitere 20 gehörlose Ukrainer und Ukrainerinnen leben in der Umgebung. "Als im März die ersten Geflüchteten im Kirchenkreis Minden ankamen, waren wir doch überrascht, dass so viele Gehörlose dabei waren", erinnert sich Ralf Isermann. "Aber die Erklärung ist simpel: Die freie evangelische Gemeinde vor Ort hatte vor rund zehn Jahren einen Austausch mit einem Gebärdenchor aus einer Gemeinde in der Ukraine. Und seitdem besteht da eine enge Verbundenheit."

diakonie integrationskurs fotoGut eingelebt

Die Dozenten sind für die Geflüchteten weit mehr als Gebärdentrainer. "Wir reden über Sorgen und Probleme und sind Ansprechpartner für alles Mögliche", sagt Tanja Bergen. Gerade während der ersten Zeit in Deutschland seien auch die Kriegserlebnisse ein Thema gewesen. "Da flossen Tränen", erinnert sich die 67-Jährige. "Aber grundsätzlich muss ich sagen: Die Stimmung war nie gedrückt, die Menschen haben nie gejammert. Vielmehr wollten sie so schnell wie möglich mit dem Unterricht loslegen und erfahren, wie sie hier schnell Fuß fassen können."

Ralf Isermann bestätigt, dass die Kursteilnehmer sich gut eingelebt hätten. Mittlerweile nutzten auch einige die Angebote der Gehörlosen-Beratungsstelle(link is external). Dort erfahren sie beispielsweise, wo sie einen Ausweis beantragen können oder eine Arbeitserlaubnis. Isermann: "Unterstützt werden sie dabei von Familienangehörigen oder von ihren Lehrkräften." Das alles entspricht dem Ziel des Kurses, wie Isermann erklärt: "Die Teilnehmenden sollen nicht nur die deutsche Sprache lernen, sondern selbstständig werden, sich integrieren. Außerdem hoffen wir, dass durch das gemeinsame Lernen neue Freundschaften entstehen."

Lust auf Lernen

Und das funktioniert auch: Eine Teilnehmerin beispielsweise hat inzwischen schon einen Job als Reinigungskraft gefunden. "Den Deutschkurs besucht sie natürlich weiterhin", betont Tanja Bergen. Zwei andere junge Frauen verstehen sich so gut, dass sie in ihrer Freizeit viel zusammen unternehmen. Und insgesamt sei die Stimmung im Kurs so herzlich, dass zur Begrüßung Küsschen verteilt werden und die Erwachsenen sich gegenseitig bei der Kinderbetreuung unterstützen.

Auch Tanja Bergen sind ihre Schülerinnen und Schüler längst ans Herz gewachsen. "Ich hoffe, dass unser Kurs weitergeht", sagt sie. "Wir möchten gemeinsam doch noch so viel erreichen." Denn was ihren Kurs auszeichne, sei das extrem hohe Bildungsniveau, aber auch die große Motivation aller Teilnehmenden. "Ich war beispielsweise überrascht, dass ich ihre Tests und Hausaufgaben unbedingt mit einem Rotstift korrigieren sollte – nicht etwa in Grün oder Blau", erzählt Tanja Bergen. Das scheiterte aber daran, dass sie gar keinen Rotstift besaß. "Als ich dann am nächsten Tag zum Unterricht erschien, warteten sie bereits mit einem Geschenk auf mich – ein roter Stift."

Text: Verena Bretz/Diakonie RWL

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